Grüne Tomaten, Big Horns und GTA live und in Farbe...

Die letzte Woche meines USA-Aufenthalts ist mittlerweile angebrochen und daher wird es langsam Zeit, ein kleines Fazit zu ziehen: Der Aufenthalt in den USA führt definitiv nicht zum massiven Kulturschock wie man es beim längeren Aufenthalt in anderen Gegenden der Welt kennt. Allerdings gibt es natürlich eine ganze Menge, worauf ich mich zurück in Europa freue, aber auch ein paar Aspekte, die ich vermissen werde - oder auch nicht:

Da wäre zum Einen der "Tütenmann bzw. -frau" im Supermarkt. Während man beim Aldi in Deutschland kurz vorm Kollabieren ist, um das Einpacken der Waren vom Band zurück in den Einkaufswagen in etwa in der gleichen Taktzeit zu realisieren wie die professionelle Marathon-Scannerin hinter dem Band - schliesslich will man die gute Dame nicht fünf Minuten mit dem Bezahlen warten lassen - packt in USA eine zweite Person oder die Kassiererin selbst fein säuberlich nach Warenart getrennt (Kühlwaren, Obst, Gemüse ... etc.) die Einkäufe in Tüten. Man muss also nur noch die gefüllten Einkaufstüten vom speziell dafür eingerichteten "Tütenkarussel" nehmen und in den Wagen bugsieren - also völlig entspannt, wenn es ans Bezahlen geht.

Eine andere Sache, die ich vermissen werde, ist die Freundlichkeit, Offenheit und der Humor des Personals - vor Allem in der Gastronomie. Bereits beim Betreten eines Restaurants wird man von mindestens zwei netten Anweiserinnen begrüsst und anschliessend zum Tisch oder zur Bar geleitet... kurz darauf erscheint der persönliche Waiter/Waitress, der/die sich namentlich vorstellt und erklärt, er/sie ist der Ansprechpartner des heutigen Abends und wird alles tun, damit man sich wohlfühlt... und das stimmt in den meisten Fällen tatsächlich - natürlich bedankt man sich bei entsprechend netten und aufmerksamen Bedienungen mit einem angemessenen Trinkgeld ... was also auch für das Personal entsprechenden Anreiz bietet, wirklich alles zu geben. Quasi der Grundgedanke der Leistungsgesellschaft im realen Betrieb! Schön ist auch, dass die Mehrzahl des Personals natürlich sofort erkennt, dass hier ein Nicht-Amerikaner anwesend ist und sich freundlich danach erkundigt, wo man denn herkommt... daraus entstanden zum Teil wirklich sehr nette und längere Gespräche und ich muss sagen: Die Amerikaner - zumindest das Personal, das in den meisten Fällen aus Studenten der lokalen Hochschulen besteht - sind ein sehr weltoffenes Volk, reisen unheimlich gern und haben doch einiges Interesse am Weltgeschehen. Der typische nicht-akademische Eingeborene des Mittleren Westens dagegen entspricht dann doch eher dem typischen Klischee, das man von den Amerikanern in Europa so hat. Typische Männergespräche in der Freizeit beinhalteten übrigens zumeist die Themen Autos, Autobahnen, privates Bierbrauen oder illegales Destillieren und das Tragen, Sammeln oder Schiessen von Waffen... mit teils identischen, teils sehr kontroversen Ansichten - wie man sich gut vorstellen kann.

Was ich ebenfalls vermissen werde, das sind die Pubs mit ellenlanger Auswahl von Biersorten - wie bereits in vorigen Kapiteln erwähnt. Vor allem Importbiere (ausser Heineken und Bud) findet man in Deutschland oder der Schweiz ja eigentlich nur in wirklich spezialisierten Kneipen, die sich aufgrund ihrer Rentabilität meistens nur im Umfeld von Grossstädten auftun. Schade!

Ein typisches Gegenbeispiel - für mich ein echtes NoGo - ist das Frühstück in amerikanischen Hotels. Selbst in verhältnismässig wirklich teuren Business-Hotes isst man in den USA im Hotel sein Frühstück von Papptellern und mit Hilfe von Plastikbesteck - ernsthaft! Geht gar nicht! Selbst für einen Camping-Freund wirkt das doch eher befremdlich und steht nicht auf meiner Liste der zu vermissenden Aspekte.

Ein anderes Thema - bei dem aber wirklich auch jeder Nicht-Amerikaner den Kopf schüttelt - sind diese typischen Einkaufs-Elektrowägelchen, auf die sich zumeist Personen mit einem Gewicht von über 150 kg hieven, um ihre Runden im Walmart zu drehen. Dabei wäre ein Walmart aufgrund seiner Dimensionen tatsächlich sehr gut geeignet, um ein wenig Bewegung in das Leben solcher Personen zu bringen. Bei der Suche nach teilweise nicht logisch nachvollziehbar angeordneten Produkten habe ich persönlich im Walmart während meines Aufenthalts sicherlich mehr als zehn Kilometer zurückgelegt. Zumindest verhindert das Bereitstellen dieser Elektro-Einkaufswagen immerhin die Notwendigkeit, den Abstand zwischen den Regalen auf die Breite von Pickups anzupassen - mit denen entsprechender Personenkreis ansonsten vermutlich ausschliesslich einkaufen gehen würde (Drive-Thru).

Wenn wir schon bei den Pickups angekommen sind: Ich werde den Sound des Dodge RAM - vor allem in der BigHorn Edition - tatsächlich vermissen. Der 5.7 Liter Hemi V8 brüllt, knallt und sprotzelt dermassen aus seinen zwei Auspuffrohren - Pipelines wäre passender - dass es ein wahres akustisches Erlebnis ist. Also Anlage aufdrehen, auf diesen Link klicken und ungläubig grinsen! In Europa würde zwar niemand auf die Idee kommen, ein 2.6 Tonnen schweres Nutzfahrzeug mit einem Achtzylinder-Benziner zu befeuern ... aber hat was, wie ich zugeben muss. Übrigens ist mit dem 5.7 l V8 Hemi noch lange nicht das Ende der Fahnenstange erreicht: Es gibt noch einen 5.9 l Magnum V8, einen 6.7 l Cummins Diesel, einen 8 l Magnum V10 und die Krönung: Der 8.3 l V10 aus der Viper im SRT-10. Wer jetzt übrigens denkt, diese Motorisierungen gelten nur für amerikanische Hersteller, der irrt: Um den enormen Markt nicht zu verpassen, sind die hierzulande anzutreffenden Toyota Pickups ebenfalls mit 5.7 l V8-Benzinern ausgestattet - von wegen nur umweltfreundliche Hybridfahrzeuge und co. von den ehemaligen Vorzeige-Japanern! Toyota Terre Haute ist der mit Abstand grösste Pickup-Händler in der Region.

Man genehmige mir bitte nochmals einen Vermerk zu den genannten vielzähligen klassischen Trucks auf amerikanischen Strassen aus dem zweiten Bericht: Mittlerweile habe ich herausgefunden, dass sowohl Kenworth mit der W900 Serie und Peterbilt mit den Modellen 388 und 389 noch heute neben den zeitgemässeren Modellen Neufahrzeuge mit dem klassischen Design verkaufen - ich hatte mir angesichts der ebenfalls bereits erwähnten Rostanfälligkeit amerikanischen Blechs bereits ernsthafte Fragen darüber gestellt, ob es tatsächlich noch so viele historische Nutzfahrzeuge geben kann - daher die Recherche mit Aha-Effekt.
Klicken auf das Foto öffnet übrigens ein kleines Video aus dem Auto von einem solchen besonders funkelnden Modell, da der Trailer komplett verchromt war. Erinnert ein wenig an den Weihnachts-Truck aus der Coca-Cola-Werbung, oder?

Um auf die weiteren Inhalte der Überschrift dieses Berichts zu kommen: Letzten Samstag machte ich einen Ausflug ins benachbarte Bloomington - benachbart heisst im Mittleren Westen: innerhalb 1.5 Stunden Fahrtzeit zu erreichen. Bloomington (70.000 Einwohner) ist wie Terre Haute (60.000 Einwohner) auch eine regionale grössere Stadt, allerdings definitiv besser strukturiert und gegenüber Terre Haute mit einer schönen Innenstadt versehen. Das im Kolonial-Stil errichtete Gerichtsgebäude des Monroe County steht dabei im Zentrum der Stadt, darum herum in Downtown Bloomington sind Geschäfte und Restaurants angelegt, die zum Bummeln - auch ohne Auto - einladen. Neben dem Stadtzentrum gibt es ein ausgeprägtes kulturelles Zentrum mit dem grossen Campus des Hauptsitzes der Indiana State University, benachbartem Park, Kunstmuseum und anderen kulturellen Einrichtungen wie Mehrzweckhalle, Bibliotheken etc. schön beieinander. Zu sehen teilweise auf den hier gezeigten Fotos in der genannten Reihenfolge:

               
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Worauf ich beim Ausflug nach Bloomington bereits im Vorfeld tierisch gespannt war, das war ein Appetizer des Sweet Grass Restaurants in Bloomington: Fried Green Tomatoes, die eigentlich eine Spezialität der Südstaaten wie bspw. Alabama oder Texas sind. Wer den gleichnamigen Film rund um die Geschichte der Idgie Threadgoode kennt, wird mein Amusement nachvollziehen können, als ich online auf die Speisekarte gestossen bin (siehe Screenshot rechts, darauf klicken vergrössert das Bild). Übrigens wurden die grünen Tomaten scheibchenweise in einer Panade frittiert und mit Maiskörnern on top sowie einem Buttermilch-Dip serviert. Schmeckt sehr lecker, hat einen süss-sauren Charakter und ist wirklich zu empfehlen.

Das Dinner - also auf gut Deutsch das Abendessen - nahm ich dann im "Malibu Grill" zu mir, einem sehr coolen Restaurant bzw. Pub direkt in Downtown Bloomington neben dem Gerichtsgebäude. Da ich alleine war, setzte ich mich an einen Tisch an der Bar und aufgrund der - auch hier - umfangreichen Bierliste konnte ich aus drei belgischen Biersorten wählen. Wobei dabei mein Lieblingsgeschmack nicht mit dem der netten Barkeeperin übereinstimmte - natürlich probierte ich ausschliesslich zu diesem Zweck sämtliche belgischen Biere aus ;) Das Malibu Grill kann ich auf jeden Fall total empfehlen, das Essen war extrem lecker und zum Ersten Mal in amerikanischen Restaurants konnte man hier in den Genuss eines echten guten schottischen Single Malt Whiskeys kommen (Glenmorangie) - anstelle des natürlich weit verbreiteten amerikanischen Bourbons. Wer den Unterschied zwischen Scotch und Bourbon nicht so wirklich kennt: Während ein schottischer Whiskey auf Basis von gemalzter Gerste (malt) gebrannt wird, ist die Grundlage eines amerikanischen Bourbons oder Tennessee Whiskeys eine mindestens 51%ige Maische (Bourbon: bevorzugt 65-75%) aus - na? Dreimal raten ... Richtig - Mais! Wie alles hier... Es gibt auch Corn Whiskey, der mindestens 80% Mais-Anteil in der Maische hat. Der einzige amerikanische Whiskey, der grösstenteils auf gemalztem Getreide (Gerste, Roggen oder Weizen je nach Region) basiert, ist der Rye Whiskey, der jedoch seit dem Ende der Prohibition kontinuierlich ausstirbt...

Und schliesslich noch zum letzten Punkt in der Überschrift... Wer wie ich ein Faible für die Computerspiel-Reihe GTA (Grand Theft Auto) und insbesondere den Parts der dritten Reihe (Liberty City, Vice City und San Andreas) hat, dem kann ich nur sagen: Bereits in den ersten Tagen musste ich amüsiert feststellen, dass der virtuelle amerikanische Verkehr, die Fassaden der Gebäude und das Aussehen der Landschaft extrem gut übereinstimmen mit der Realität. Als ich dann in den folgenden Tagen und Wochen des öfteren verbeulte Fahrzeuge mit herunterhängenden Stossstangen, zerbrochenen Scheiben und fehlenden Motorhauben oder sonstigen Fahrzeuteilen gesehen habe, musste ich erneut amüsiert an die Fahrzeugschadens-Engine des Computerspiels denken. Auch bin ich mehrmals an Fahrzeugen vorbeigefahren, die sowohl von zivilen Einsatzwagen der Bundesbehörden (mit blau-roten Blitzlichtern im Grill und in der Heckscheibe) als auch zahlreichen Streifenwagen der Polizei und Krankenwagen umringt waren, wenn eine Festnahme erfolgte. Und als heute morgen auch noch eines der Lieder aus dem Computerspiel (Heart - Barracuda) im Radio lief, war ich schon kurz davor, nach meiner imaginären Pistole zu suchen ;) Aber ich kann Entwarnung geben: Bisher hat mich niemand aus dem Fahrzeug geprügelt, auf der Strasse laufen keine sichtbar schwer bewaffneten Gangster herum und die Polizei hat auch noch nicht auf mich geschossen!

Damit sei an dieser Stelle allerdings auch die Berichterstattung aus den USA abgeschlossen - ich hoffe, der Rückflug am kommenden Freitag ist entgegen der Einreise keinen gesonderten Bericht mehr wert - ansonsten hier zu lesen! Natürlich konnte ich nicht sämtliche Erfahrungen und Eindrücke zu Papier bzw. HTML bringen, den Rest erfahren Interessierte dann im persönlichen Gespräch - Besten Dank an alle regelmässigen Leser und für das Feedback! Die Homepage wird natürlich auch in Zukunft aktuell gehalten - demnächst ist unser Umzug nach Bürglen angesagt und zudem plane ich nach über einem Jahr Wartezeit, ein paar Hochzeitsspecials online zu stellen...